Aktion Jahrtausendwende
Diese Aktion soll helfen, das weitverbreitete Mißverständnis bezüglich des Datums der Jahrtausendwende auszuräumen. Viele Menschen denken, der 1. Januar 2000 sei der erste Tag des neuen Jahrtausends, tatsächlich ist es aber erst der 1. Januar 2001.
Hier einige Erklärungen. Die Erfahrung zeigt, daß sich nur der überzeugen läßt, der wirklich keinen Grund mehr zu Zweifeln hat - und auch dann gibt es noch Leute, die sich nicht sicher sind.
- Die Zeitrechnung beginnt mit dem Jahr 1, nicht mit dem Jahr 0. Das bedeutet, daß das zweite Jahrtausend auch erst nach Ablauf von 2000 Jahren, also am 31. Dezember 2000, endet.
- Ein einfaches Beispiel: Die ersten 100 Zahlen würde jeder mit 1, 2, 3, ..., 99, 100 benennen, der nächste Block aus 100 Zahlen würde dann also mit 101 beginnen - das gleiche Prinzip.
Seit dem vermehrten Einsatz von Computern setzt sich aber auch die Zählweise 0...99 durch, denn Computer beginnen bekanntlich bei 0 zu zählen. Allerdings würde höchstens ein Informatiker darauf verweisen und das erste Jahr der Zeitrechnung als das Jahr 0 benennen.
- Wenn ein Kind geboren wird, ist es kurz nach der Geburt im ersten Lebensjahr, nicht im nullten. Das erste Lebensjahr ist erst nach Ablauf von 365 Tagen abgeschlossen, dann ist das Kind ein Jahr alt. Übertragen auf die Jahrtausendproblematik heißt das, daß zwei Jahrtausende erst nach Ablauf von 2000 Jahren abgeschlossen sind - also am 31. Dezember 2000.
- Unser Kalender beruht auf dem Tag der Geburt Jesu Christi - man kann also sagen, daß das Jahrtausend so alt ist, wie Jesus jetzt wäre. Da dieser Zeitpunkt aber wirklich ein Punkt ist, spricht man von 1 v.Chr. und 1 n.Chr., aber nicht 0 vor oder nach Christus. Das erste Jahr ist also das Jahr 1.
Wenn Jesus am 1. Januar geboren wäre, dann würde er erst am 1. Januar 2001 die vollen 2000 Jahre alt.
- Die Linie a ist hier offenbar nur 1999 Jahre lang, b ist 2000 Jahre lang.
Na, jetzt überzeugt? ;-)
Interessant ist, daß sogar in Zeitungen und Fernseh-Nachrichten das falsche Datum genannt wird. Offenbar zieht sich die Unkenntnis über die tatsächliche Lage durch alle Bevölkerungsschichten.
Etwas zum geschichtlichen Hintergrund
Unser Kalender wurde im Jahre 1582 von Papst Gregor XIII eingeführt, daher nennt man ihn den Gregorianischen Kalender.
Er basiert auf dem (willkürlich festgesetzten) Termin der Geburt Jesu Christi, die auf den 25. Dezember gesetzt ist, und von diesem Tag an beginnt unsere Zeitrechnung. Somit ist der Kalender eigentlich ungenau, denn es fehlen schließlich sechs Tage zum neuen Jahresanfang, dem 1. Januar. Der Jahresanfang wurde erst später auf den ersten Januar festgelegt, sodaß nun der Neujahrstag auch an einem Monatsanfang lag. Für eine Übergangszeit von etwa 100 Jahren wurden allerdings beide Versionen benutzt, daher der Ursprung des Begriffs "zwischen den Jahren".
Gregors Kalender war eine Verbesserung des bis dahin gültigen Julianischen Kalenders (eingeführt von Julius Cäsar 46 v.Chr.). Im Julianischen Kalender gibt es 365 Tage und jedes vierte Jahr einen Schalttag - was eine rechnerische Jahreslänge von 365,25 Tagen gibt.
Das astronomische Sonnenjahr ist mit 365,25636 Tagen etwa 9 Minuten und 9 Sekunden länger - man orientiert sich bei der Jahresmessung jedoch am sog. tropischen Jahr, der Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Durchgängen der Erde durch den Frühlingspunkt (365,2422 Tage). Daher setzte Papst Gregor fest, daß der Schalttag beim vollen Jahrhundert ausfällt, mit Ausnahme der durch 400 teilbaren (Damit ist auch das Jahr 2000 Schaltjahr). So erreicht er immerhin eine rechnerische Jahreslänge von 365,2405 Tagen.
Vorläufer des Julianischen Kalenders war der römische Kalender, der ein Mondjahr zu 355 Tagen beschrieb, ab und zu durch einen Schaltmonat ergänzt - mit den entsprechenden Unstimmigkeiten.
Die Moslems befinden sich in einer anderen Zeitrechnung, bei ihnen schreibt man eigentlich erst das Jahr 1429, allerdings hat sich der westliche Standard weltweit durchgesetzt - ansonsten wäre Handel schwierig, wenn nicht überall die gleichen Jahreszahlen verwendet würden. Tatsächlich aber haben arabische Tageszeitungen weiterhin zusätzlich noch das islamische Datum aufgedruckt. Der Grund für diese Differenz liegt darin, daß der mohammedanische Kalender mit dem Auftreten Mohammeds (570-632) seine Zählung beginnt.
Außerdem ist der islamische Kalender anders aufgeteilt: Ein Jahr besteht aus zwölf Monaten, die abwechselnd 29 und 30 Tage haben.
Der Beginn des 20. Jahrhunderts wurde übrigens ebenfalls zu
früh, nämlich am Anfang des Jahres 1900
gefeiert. Kaiser Wilhelm II. hatte das so verordnet, damit die Feier nicht
mit der Feier zur 30jährigen Reichsgründung am 18.1.1901
kollidieren konnte.
Es gibt eine Theorie von Heribert Illig ("Das erfundene Mittelalter"), daß in unserer Jahreszählung etwa 300 Jahre übersprungen wurden - wir also tatsächlich eigentlich erst im Jahre 1699 leben - weil Otto III (983-1002) unbedingt der König des Jahrtausendwechsels sein wollte. Das Hauptgegenargument ist die Beschreibung Karls des Großen (784-814), die zum einen sehr ausführlich, zum anderen aber auch besonders positiv hervorgehoben ist. Es wirkt unglaubwürdig, daß sich Otto III in den Schatten Karls stellen würde, ja daß es überhaupt möglich wäre, eine so schillernde Persönlichkeit wie Karl frei zu erfinden.
Andererseits weisen einige Untersuchungen, u.a. Altersbestimmungen von Fundstücken, darauf hin, daß wirklich etwa 300 Jahre übersprungen wurden. Illig will z.B. anhand der karolingischen Architektur nachweisen, daß die Jahre 620-920 nicht stattgefunden haben.
Diese Frage ist noch nicht geklärt und Anlaß für viele Diskussionen unter Historikern.
Kommentare und weitere Erklärungen von Lesern dieser Webseite
- Florian Baumann schrieb: Noch eine
Begründung: Als im 6. Jahrhundert die Zeitrechnung
"v. Chr. / n. Chr." eingeführt wurde, kannte man im christlichen Europa
die Null noch gar nicht. Die taucht erst bei Fibonacci (afaik 12. Jhdt,
da bin ich mir aber nicht ganz sicher) auf.
- Dr. Norbert Barth schrieb: ... Solche Denkfehler sind
uns Menschen eigen. So finden sich etwa
bei "runden" Geburtstagen öfter Scharfsichtige, die mit Recht darauf
hinweisen, daß es sich gar nicht um den 10. oder um den 50.
Geburtstag handelt, wenn man - wie in dieser Aktion - genau
nachzählt!
- Axel Gundlach schrieb:
Das jüngste Beispiel ist die Aktion von RENAULT:
Jetzt ein Auto kaufen - erst im nächsten Jahrtausend bezahlen! Wie
erwartet wurde ich bei einem Anruf aufgeklärt, daß der Händler
natürlich
den Zahlungseingang für den Neuwagen bereits im Januar 2000 erwartet.
Der Händler war ziemlich verdutzt darüber (ääh, hmm,
weiß ich auch
nicht...), daß dann noch nicht das neue Jahrtausend begonnen haben wird.
-
Meines Erachtens werden sich nächstes Jahr viele Rechtsanwälte die
Hände
reiben, weil etliche Schadenersatzklagen zu erwarten sind. Gerade auch
Reiseveranstalter, die die Sylvesternacht der Superlative zum
Jahrtausendwechsel (1999/2000) textlich offerieren, dürften es
anschließend wohl nicht leicht haben.
- F-V-S@t-online.de schrieb:
Wenn die bereits jetzt ausverkauften Feierlichkeiten vorbei sind, also
ab Januar 2000, dann wird man erst richtig in den tatsächlichen
Jahrtausendwechsel am 31.12.2000 einsteigen um nochmals einen Grund zum
feiern und zum Absahnen zu haben. Ansonsten bestünde ja die Gefahr, sich
das Geschäft zu vermasseln. Übrigens ist ja eigentlich der Beginn eines
Jahres mit der Zahl 2000 auch schon eine bemerkenswerte Angelegenheit.
Warum also nicht feiern. Es häufen sich ja jetzt mehr und mehr die
Gelegenheiten, daß man die Jahreszahl 2000 schreiben muß, und jedesmal
überkommt mich dabei doch ein komisches Gefühl. Ich erinnere mich, daß
ich schon als junger Mensch (Ich bin 1918 geboren!!) oft darüber
nachgedacht habe, ob ich wohl einmal das Jahr 2000 erleben werde. Und
nun ist es bald soweit. Kaum unglaublich, denn 81-Jährige waren für mich
als Jugendlicher damals doch schon recht alte Menschen, ja eigentlich
schon Greise.
Wegen der Jahrtausendwende habe ich mich schon oft herumgestritten.
Besonders Scharfsinnige haben das nach einigen Erklärungen auch kapiert.
Aber es gibt auch Leute wie mancher Biertrinker am Stammtisch, denen man
es am besten so plausibel macht: "Angenommen, Du bekommst einen Kasten
mit 20 Flaschen Bier geliefert und stellst fest, daß die 20. Flasche
leer ist. Du würdest doch zu Recht reklamieren. Erst wenn auch die 20.
Flasche gefüllt im Kasten steht, ist der Kasten wirklich voll. So auch
mit dem 20. Jahrhundert: Erst wenn das Letzte Jahr voll ist, ist das 20.
Jahrhundert komplett. Kapiert?" Mein Gott er hat es!.
- Michele Javet schrieb:
Das Jahr 2000 ist nur ein fiktives Datum!
Kennen Sie das Buch "Leere Zeiten" ?
Hier wird erklärt, daß es bei der gregorianischen Kalenderreform zu schwerwiegenden Fehlern gekommen ist,die bis heute nicht korrigiert wurden. Im Gegensatz zu einigen anderen Autoren die darüber streiten, ob man die bevorstehende Jahrtausendwende erst am Sylvester Abend 2000 feiert, hält Serrade die Datierung vor 1582 für grundsätzlich falsch. Sollten sich die Nachforschungen von Serrade als richtig erweisen, dann hätten wir keinerlei Grund, einer Jahrtausendfeier entgegen zusehen, sondern könnten nur den Beginn eines neuen Jahrhunderts einläuten.
Gerard Serrade, Leere Zeiten, Logos-Verlag Berlin 1998
- Torsten Küneth schrieb:
Glueckwunsch und herzlichen Dank zu Ihren Argumente-Sammlungen den
Rechenfehler beim Jahrtausendwechsel betreffend. "Tatsachen lassen sich durch
wirtschaftliche Erwaegungen nicht beseitigen" - das bringt es auf den Punkt.
Man kann ja nicht viel gegen das mangelnde Denkvermoegen in der Bevoelkerung
tun (die gleichen, die ueber das Sparpaket jammern, wuerden Luft in Dosen
kaufen, nur weil "Millennium" draufsteht), aber es beruhigt doch zu sehen,
dass es mehr Leute versuchen als ich dachte.
- Georg Driessen schrieb:
ich habe bereits am zweiten Januar 1999 nach diversen "Falschmeldungen"
in Presse und Fernsehen, alle moeglichen Zeitungen, Zeitschriften,
Nachrichtenagenturen und Fersehsender angemailt und um eine
Richtigstellung bezueglich der "Jahrtausendwende" am 31.12.1999 gebeten.
Meine Begruendung (aehlich der Deinen nur kuerzer gefasst) kannst Du auf
meiner Seite: http://www.geocities.com/georgdriessen nachlesen. Die
einhellige Antwort aller Angeschriebenen (sofern sie denn ueberhaupt
geantwortet haben) war, dass man den Sachverhalt kenne, aber den
Geschaeftsleuten diese Meldung einfach nicht zumuten koenne. Die einzige
Zeitung, die meines Wissens bisher dazu konkret Stellung bezogen hat,
war die Rheinische Post. Ich glaube, dass die meisten Medienbetriebe ja
selbst grosse Parties veranstalten und daher die Meldung unterdruecken
wollen. Wie schon ein anderer Besucher Deiner Website richtig
festgestellt hat, werden dann am 2.1.2000 alle Zeitschriften und
Nachrichtensender ueber diesen fatalen Irrtum berichten und zur
richtigen Feier am 31.12.2000 einladen.
- Gerald Suess schrieb:
So weit ist es richtig: ein Jahr 0 hat es nicht gegeben. Jedoch die
Schluesse, die daraus gezogen werden sind idiotisch. Vielmehr sollte man
sich damit abfinden, dass das erste Jahrtausend ist kein richtiges
gewesen ist. An seinem Beginn wusste man noch gar nichts davon, dass es
angefangen hatte. Zudem ist seine spaetere Definition doch mit einigen
Unsicherheiten verbunden, denn die Festlegung von Christi Geburt ist
willkurlich und wahrscheinlich 6 Jahre zu spaet.. Deshalb sollte man
sich bei ihm - dem ersten "Jahrtausend" - (ausnahmsweise) mit 999 Jahren
begnuegen. Das tut heute keinem mehr weh. Vor 1000 Jahrten, am 31.12.999
hat man auch den Abschluss eines Jahrtausends voller Aengste erwartet,
so aehnlich wie sich die Computer mit dem Milleniumsbug auch nicht noch
ein Jahr gedulden werden.
Alle folgenden Jahrtausende können dann huebsch mit dem 1.1.x000
beginnen und das in alle Zukunft. Warum immer wieder eine Dummheit
begehen, nur weil man sie einmal gemacht hat.
Anders waere es, wenn es vor genau 1999 Jahren wirklich ein Ereignis
gegeben haette, ab dem es sich zu zaehlen lohnen wuerde. So sollten wir
die neue Zahl als Beginn des dritten Jahtausends, den zweiten richtigen,
ordentlich feiern.
- Renate Schmook schrieb:
Vielleicht sollte man für all die Unbelehrbaren, die daran festhalten,
dass der Jahrtausendwechsel bereits 1999/2000 stattfindet, einen neuen
Begriff einführen. Wir schlagen vor von einem "gefühlten
Jahrtausendwechsel" zu sprechen, analog zur Darstellung in den
Wettervorhersagen. Eine Temperatur kann z.B. objektiv 9°C betragen, wird
aber subjektiv als wesentlich kälter empfunden.
- Florian Baumann schrieb:
Eigentlich ist das keine Begründung, aber die Sektmarke Fürst von
Metternich macht zur Zeit Fernsehwerbung für ein Gewinnspiel, bei
dem man 100 Eintrittskarten zur Jahrtausendwende 2000/2001 auf
Schloss Johannisberg im Rheingau gewinnen kann. Sowas sollte
zumindest lobend erwähnt werden.
Übrigens hat auch die Katholische Kirche erklärt, dass die
Jahrtausendwende erst 2000/2001 stattfindet - aus den bekannten
Gründen. Die Pressemeldung hab ich aber nicht mehr parat. Das
ändert jedoch nichts am "Heiligen Jahr 2000", das der Papst
ausgerufen hat.
- Galeff Schmees schrieb:
Sehr geehrter Herr Barth,
bei der Berechnung der Lebensdauer (Geburtstage) verfährt man anders als
bei der Berechnung der christlichen Zeitrechnung:
Am 50. Geburtstag feiern wir, dass ein Mensch 50 Jahre Leben hinter sich
hat. Sein 1. Geburtstag war 1 Jahr nach seiner Geburt.
Beim Jahrtausendwechsel feriert man, ebenso wie beim Geburtstag, dass
seit Jesu Geburt anscheinend 2000 Jahre vergangen sind. Der
entscheidende Punkt liegt nun in der Unterscheidung von Geburtstag und
Lebensjahr, denn die christliche Zeitrechung defininiert sich ebenso wie
man vom z. B. 50sten Lebensjahr (nach dem 49. Geburtstag) spricht nicht
aus den Geburtstagen, sondern aus den Lebensjahren. Gleich nach Jesu
Geburt befand man sich IM Jahr 1 des Herrn (1 a. d.). Ebenso befinden
wir uns nach unserer Geburt IM ersten Lebensjahr und im Jahr 2000 IM
2000sten Jahr nach Christi Geburt.
An runden Geburtstagen unterliegen wir aber nicht diesem Problem, es
sind tatsächlich so viele Jahre seit der Geburt vergangen wie man auch
zum Feiern annimmt.
- Thomas Güttler schrieb:
Königliches Realgymnasium zu Erfurt
Beilage zum Jahresbericht 1899/1900
"Das neue Jahrtausend und der Christliche Kalender"
von Professor Gustav Schubring Erfurt 1900
Druck von Fr. Bartholomäus Ostern 1900. Progr. No. 273.
WANN beginnt das neue Jahrhundert? - Am 1. Januar 1900 oder am 1. Januar 1901? - Diese Frage ist zwar nicht von hervorragender Wichtigkeit,
sie ist aber in der letzten Zeit sehr lebhaft umstritten wordden, und es dürfte daher von Interesse sein, sie zu einer sachgemäßen Entscheidung
zu bringen. Zu dem Zwecke kommt es in erster Linie darauf an, festzustellen, welchen Sinn der Fragende mit dem Ausdrucke "neues
Jahrhundert" verbindet. Ein Jahrhundert, das heißt ein Zeitabschnitt von hundert Jahren, kann ja selbstverständlich zu jeder beliebigen Zeit, also
auch am 1. Januar 1900 begonnen werden. Wenn aber mit dem "neuen Jahrhundert" das 20. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gemeint
sein soll, so unterliegt es keinem Zweifel, dass das "neue Jahrhundert" erst am 1. Januar 1901 beginnen kann. Das Jahr 1900 gehört noch zum
19. Jahrhundert, welches selbstverständlich erst dann abgelaufen sein wird, wenn vom Anfange der christlichen Zeitrechnung an gerade 1900
Jahre verflossen sind. Dem Anfang aber bildet wie bei jeder Zeitrechnung das Jahr 1 und nicht ein Jahr Null, welches es in der Chronologie
niemals und nirgends gegeben hat, weder im Altertum, noch in der neuen Zeit.
Der Begründer der christlichen Zeitrechnung war der Abt Dionysius Exiguus, ein Skythe, der um das Jahr 530 lebte und die Zeit der
Menschwerdung Christi, so gut er konnte, zu bestimmen suchte: er fand dafür das Jahr 754 der römischen Zeitrechnung (nach Varro).
Wahrscheinlich betrachtete er aber nicht den Tag der Geburt Christi, den die Kirche damals schon auf den 25. Dec. angesetzt hatte, sondern den
Tag der Verkündigung Mariä, das heißt also den 25. März des genannten Jahres, als den Ausgangspunkt (Epoche) seiner Zählung. Darauf kommt
aber nichts an, jedenfalls galt dieses Jahr als das "erste Jahr Christi", von ihm aus zählte man die Jahre weiter als das 2te, 3te, 4teJahr ab
incarnatione. Man bediente sich also der Ordnungszahlen, nicht der Grundzahlen, wie ja nach der Meinung namhafter Psychologen die
Ordnungszahlen dem schlichten Denken näher liegen als die sogenannten Grundzahlen. Später gebrauchte man Ausdrücke wie: Im 325. Jahre
des Heils oder der Gnade (gratie) oder im 825. Jahre des Herrn (anno domini). Es entsprach dies genau der Art und Weise, wie die Alten die Jahre
der Regierung eines Kaisers oder Königs zählten. Wenn nämlich ein Regent in der Mitte oder gegen Ende eines Jahres zur Regierung gelangte, so
pflegte man doch das ganze Jahr seiner Regierung zuzurechnen; mit dem Anfange des nächsten Kalenderjahres begann man dann das 2. Jahr
seiner Regierung. Belege dafür findet man in dem Handbuch der Chronologie von Ideler, Bd. 2, Seite 118-119.
Nachdem die Dionysische Ära grössere Verbreitung gefunden hatte, dehnte man sie auch auf die Zeit vor Christi Geburt aus: Das Jahr 753 der
Stadt Rom wurde das erste Jahr vor Christo genannt, 752 also das 2. Jahr vor Christo usw. Ein Jahr Null anzunehmen, daran dachte niemand, der
Begriff "Null" lag damals überhaupt den meisten Menschen ganz fern.
Der Ausdruck "Jahre nach Christi Geburt" wurde erst sehr spät in Anwendung gebracht; er hat einige Verwirrung angerichtet, weil er zu der
Meinung verführte, daß das Jahr 1 nicht das erste Jahr sei, in dem Christus gelebt hat, also nicht das Geburtsjahr, sondern das erste Jahr nach
seiner Geburt. Christus könne doch, so sagte man, nicht im ersten Jahre nach Christi Geburt geboren sein, und deshalb müsse man das
sogenannte 1. Jahr nach Christi Geburt eigentlich als das 2. Jahr betrachten usw. Auf diese Weise kam man dazu, das Jahr 1899 als das 1900.
anzusehen.
Die Verwirrung wurde noch erhöht durch die Benutzung der Grundzahlen an Stelle der Ordnungszahlen: man meinte, die Jahreszahlen könnten
als Grundzahlen nur die abgelaufenen, nicht die laufenden Jahre zählen; man berief sich dabei auf die Uhr und die Stundenzählung. Um die
Haltlosigkeit dieses Einwandes zu erkennen, braucht man nur an die Bezeichnung von Monat und Monatstag durch Ziffern zu denken: der 2. 9.
1870 ist der 2. Tag des 9. Monats im 1870ten Jahre der christlichen Zeitrechnung. Es ist also vollständige Übereinstimmung in der Zählung der
Jahre, Monate und Tage vorhanden; bei den Stunden wird allerdings meistens in anderer Weise gezählt, denn nur selten sagt man "in der 6.
Stunde" (statt 5 Uhr 20 Min. oder 5 Uhr 40 Min.), doch ist auch diese Ausdrucksweise, z. B. hier in Erfurt nicht ganz unbekannt. - Es gibt
allerdings noch viele andere Fälle, in denen man die Grundzahlen statt der Ordnungszahlen gebraucht: So sagt man z. B. meistens: auf Seite 12
statt auf der 12. Seite, ebenso sagt man: er wohnt Marktstraße 6, oder auf Zimmer 9, oder er dient im Regiment 71; man bestellt sich auch aus
der Bibliothek das Buch 375 usw., obgleich in alllen diesen Fällen ist es auch bei der Zählung der Jahre ganz gleichgültig, ob man Grund- oder
Ordnungszahlen anwendet; jedenfalls ist es unzulässig, aus der Verwendung der Grundzahlen an Stelle der Ornungszahlen irgend welche
Schlüsse zu ziehen.
Weitere Veranlassung zu Verwirrungen in der Zählung der Jahre gab der Umstand, dass der von Julius Cäsar festgesetzte Jahresanfang (der 1.
Januar) in der christlichen Kirche nicht überall beibehalten, sondern das neue Jahr an einigen Orten am 25. März, an anderen zu Ostern oder zu
Weihnachten angefangen wurde: Karl d. G. wurde am 25. Dec. 800 gekrönt, dieser Tag galt jedoch als erster Tag des Jahres 801, daher wurde die
Krönung mitunter auf Weihnachten 801 angesetzt. - Die Nachbarstädte Pisa und Florenz begannen beide das Jahr am 25. März, unterschieden
sich aber in der Zeitrechnung um ein Jahr. - Diese und ähnliche Unsicherheiten verschwanden erst im 18. Jahrhundert. - Dagegen besteht
immer noch keine vollkommene Sicherheit über das wahre Geburtsjahr und den wahren Geburtstag Christi; die Annahme des 25. December ( in
Rom seit dem Jahre 354) beruht mehr auf dogmatischen als auf historischen Gründen.
Auf alle diese Dinge kommt aber bei der Beantwortung unserer Frage gar nichts an; die Hauptsache ist, daß die christliche Zeitrechnung wie jede
andere mit dem Jahre 1 beginnt. Demnach ist das erste Jahrhundert mit dem Jahr 100 vollendet, und die Säcularjahre bilden jedesmal den
Schluss der Jahrhunderte, denen sie den Namen gegeben haben.
Man braucht aber, wie schon im Eingang bemerkt, mit dem Worte "Jahrhundert" nicht den streng chronologischen Begriff zu verbinden, denn
jeder Zeitabschnitt von hundert Jahren ist natürlich ein Jahrhundert. Z. B.: Die Stadt Erfurt kam am 22. August 1802 unter preussische
Herrschaft, sie wird also im Jahr 1902 das erste Jahrhundert ihrer Zugehörigkeit zum preussischen Staate abschliessen und das zweite beginnen;
da man von der Unterbrechung durch die französische Herrschaft jedenfalls absehen kann, wird man bei dieser Gelegenheit sicher eine
entsprechende Jubelfeier veranstalten. - Solche Jubelfeste feiert man ja aller Orten zum Andenken an Schlachten und Siege, an Geburtstage
bedeutender Männer, an die Gründung von Universitäten, Schulen und anderen Anstalten, kurz an die verschiedenartigsten denkwürdigen
Ereignisse. Warum sollte man nicht auch den hundertjährigen Gebrauch der beiden Ziffern 18 als Anfangsziffern der Jahreszahlen und ihren
Ersatz durch 19 festlich begehen? Ein wichtiger Moment war das gewiß, nicht nur für Bureaubeamte und Geschäftsleute, die von diesem
Zeitpunkte an neue Stempel und neue Formulare in Anwendung bringen mußten, sondern auch für jedermann, der Briefe schreibt, Tagebücher
führt und dergleichen. In diesem Sinne hat auch am 1. Januar 1900 ein neues Jahrhundert begonnen.
Es kommt dazu, daß mit dem Jahr 1900 auch in Bezug auf den Kalender ein neuer Zeitabschnitt beginnt, und damit komme ich zum zweiten
Hauptteil meiner Abhandlung. Ich lege nämlich meinen Lesern erstens einen hundertjährigen Kalender für die Jahre 1900 bis 1999 neuen Stils
vor, aus dem sich nicht nur für jeden Monatstag der zugehörige Wochentag, sondern auch für jedes Jahr der Oster- Vollmond und das Osterfest
ergibt.; ferner einen immerwährenden Kalender für alle Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung alten und neuen Stils und als Ergänzung
dazu noch eine immerwährende Oster-Vollmonds-Tafel, mit deren Hilfe man den Oster-Vollmond für jedes beliebige Jahr alten und neuen Stils
in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ohne jede Rechnung feststellen kann, - der immerwährende Kalender liefert dann das Datum des
Osterfestes.
- Das römische Zahlensystem kannte keine Null!
- Wesentlich für die Entwicklung des Zehnersystems und jedes Positionssystems ist
die Erfindung der Null. Sie tritt nachweislich zuerst 870 u. Z. in der ind. Inschrift
von Gualiori auf. S. a. Dualsystem.
- Die Null, also zuerst 870 in Indien nachweisbar, gelangte über die Araber zu uns, wobei die Zeit der Kreuzzüge in den Orient (1096-1291) von
Bedeutung ist.
Bemerkungen zur Zeitrechnung
- Bei einem Besuch des Zeiss-Planetariums wurde geäußert, daß der Begründer der christlichen Zeitrechnung, der Abt Dionysius Exiguus, sich
um einige Jahre
verrechnet haben soll, da die Datierung nach Herrschaftsjahren von Kaisern oder
Königen Ungenauigkeiten einbrachte, wie das beispielsweise bei den
Nachbarstädten Pisa und Florenz der Fall ist.
- Was das Geburtsjahr Jesu betrifft, so gibt es chronologisch keine Bestimmtheit.
- Nimmt man den Stern von Betlehem als wahr an, dann behaupten Astronomen,
daß eine solche Konstellation 6 v.u.Z. stattfand.
- Die Bibel gibt keine exakte Auskunft zum Geburtsdatum von Jesus.
Matthäus 2,1: "Nachdem Jesus in Betlehem in den Tagen des Königs Herodes in
Betlehem geboren worden war..." - nach dem jüdischen Schriftsteller Flavius
Jesephus (37 bis ca. 100) wird angenommen, daß Herodes 4; 5 oder 6 Jahre v.u.Z.
starb. Nach F.J. gab es eine Sonnenfinsternis vor dem Tode des Herodes. Es gab
eine partielle Sonnenfinsternis am 11. März 4 v.u.Z., aber eine totale am 8.
Januar 1 v.u.Z. und im gleichen Jahr eine partielle am 27. Dezember. Niemand
kann sagen, welche Sonnenfinsternis gemeint war.
- Lukas 3,23: "Und Jesus war, da er anfing, ungefähr dreißig Jahre alt und gehalten für einen Sohn des Josephs."
- Lukas 3,1-2: " In dem fünfzehnten Jahr des Kaisertums Tiberius ... da geschah der
Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn, in der Wüste" (daß er als J. d.
Täufer wirkte)
Kaiser Tiberius bestieg den Thron am 15. September 14 u.Z. Das 15.
Regierungsjahr währte also vom Ende des 28. Jahres u.Z. bis zum Ende des 29.
Jahres u.Z. - Wenn die Bibel aussagt (Lk 3, 23), daß Jesus ungefähr 30 Jahre alt
war, als er seine Mission begann (Herbst 29), dann muß sein Geburtsjahr 2 v.u.Z.
liegen (da kein Null-Jahr), das Jahr 2000 also im Herbst 1999 begonnen haben.
- Das Millennium-Problem leitet sich aus der Bibel her. Offenbarung 20,4: "...
diese lebten und regierten mit Christus 1000 Jahre ..."; 20,7: "Und wenn tausend
Jahre vollendet sind, wird der Satan los werden aus seinem Gefängnis ..."
Um das Jahr 1000 u.Z. haben sich sehr viele Menschen aus Angst umgebracht
(in Bezug auf die Offenbarung 16, 16 ff.).
- Wenn heute vom Hl. Stuhl bzw. von dessen oberamtlichen Vertretern behauptet
wird, daß das Jahr 2000 ein Fest zu Ehren von Christus und seinen Lehren ist,
dann zeigt sich kalendarische Unwissenheit oder Ignoranz. Dies erinnert auch an die ertragreichen Jubeljahre (100) des Mittelalters, die dann
sogar mehrfach
innerhalb eines Jahrhunderts gefeiert wurden.
Ebenso nachlässig bzw. politisch-ideologisch ist die Datierung "v.Chr."/"n.Chr.",
denn es handelt sich nicht um das Geburtsjahr von Jesus, sondern einfach um
"u.Z." (Es gibt auf der Erde etwa 80 Zeitrechnungen.)
- Andy Baethe schrieb:
Meiner Meinung nach geht es doch wohl mehr um das tief eingreifende Ereignis,
dass zum ersten Mal eine '2' am Anfang der Jahreszahl steht, oder ?
Den meisten Menschen ist der Rest mit der geschichtlichen Begruendung wohl
ziemlich schnuppe, auch wenn der Kalender wirklich erst mit dem Jahr 1
angefangen haben sollte.
Aber mal ein Gegenbeispiel fuer den 1.1.2000 als Beginn des neuen Jahrtausends:
Rein mathematisch betrachtet waere dies naemlich die richtige Annahme, da im
Zahlensystem der ERSTE Bereich (fuer was auch immer) zwischen 0 und 1 liegt, der
zweite zwischen 1 und 2 usw. Aus diesem Grund faengt der 2001. Bereich auch mit
der Zahl 2000 an.
Somit endet auch das erste Jahrtausend mit dem 31.12.999 und das zweite mit dem
31.12.1999, isn't it ??
- Dr. Marcus Gossler von der Universität Graz schrieb:
Überlegungen
zur Frage des Jahrtausendbeginns
Der
Beginn des Jahres 2000 bot reichlich Gelegenheit, unterschiedliche
Meinungen zur Frage zu lesen, wann der Beginn des 3. nachchristlichen
Jahrtausends anzusetzen wäre. Fast alle entscheiden sich dabei
entweder für den 1. Januar 2000, 0 Uhr oder für den 1.
Januar 2001, 0 Uhr. Diese beiden Ergebnisse möchte ich im
Folgenden als Typ I und Typ II bezeichnen. Interessanter als die
Ergebnisse selbst, sind jedoch die Argumente, die für beide
Typen ins Treffen geführt werden.
Die
vermutlich häufigste (und oft unbewußte) Begründung
für den Typ I ist die Änderung, die das Aussehen der
Jahreszahl beim Übergang von 1999 zu 2000 erfährt. Zu
diesem Zeitpunkt beginnt offensichtlich eine Reihe von 1000 Jahren,
deren Jahreszahlen alle mit 2 beginnen. Die kann man zwar fraglos als
ein neues Jahrtausend bezeichnen, daß dieses neue Jahrtausend
aber mit dem 3. nachchristlichen identisch wäre, ergibt sich
daraus nicht.
Für
Historiker (und historisch Gebildete) ist der Typ II naheliegend. Die
in der Alten Geschichte benützte Form der Jahreszählung
kennt kein Jahr 0, sondern das Jahr 1 n. Chr. folgt unmittelbar auf
das Jahr 1 v. Chr. Es erscheint sehr sinnvoll, die Zeitenwende
zwischen diesen beiden Jahres festzulegen, wie es auch der
sprachlichen Bedeutung der Wörter "vor" und "nach"
entspricht. Damit beginnt das 1. Jahrtausend mit dem Beginn des
Jahres 1 und das 3. entsprechend mit dem Beginn des Jahres 2001.
Es
gibt noch einen weiteren Grund, warum der Typ II die Historiker
besonders anspricht. Die heutige Sprechweise mit Kardinalzahlen
("Jahr zweitausend") ist noch nicht gar so alt. Früher
wurden Ordinalzahlen verwendet ("im 1500. Jahr des Herrn").
Ist das Jahr 1 aber das "1. Jahr des Herrn", so ist
natürlich das Jahr 2000 das "2000. Jahr des Herrn",
das erst zu Ende gehen muß, bevor das 2. Jahrtausend
abgeschlossen ist.
Die
eben beschriebene Art der historischen Jahreszählung ist (wohl
bedingt durch den Geschichts-Unterricht in der Schule) für die
meisten gebildeten Europäer die einzige, die sie kennen. Darüber
hinaus erfreut sie sich verschiedentlich auch behördlicher
Unterstützung, wie etwa in der DIN 1355.
Nun
ist aber diese historische Variante der Jahreszählung ganz
offensichtlich mit einem mathematischen Fehler behaftet, der im
Weglassen der Jahreszahl 0 besteht und als "Epochensprung"
bezeichnet wird. Vom Jahre 10 v. Chr. bis zum Jahre 10 n. Chr. sind
nämlich nicht (wie man im ersten Moment vermuten möchte) 20
Jahre vergangen, sondern nur 19, weil nämlich dieses eine Jahr
(das Jahr 0) fehlt. Auch die Regel, daß jedes Schaltjahr eine
durch 4 teilbare Jahreszahl haben muß, wird von den Jahren "v.
Chr." verletzt. Deshalb verwendet die Astronomie eine
Jahreszählung mit gewöhnlichen ganzen Zahlen. Dabei folgt
das Jahr 1 auf das Jahr 0, dieses wieder auf das Jahr 1 und so
weiter. Aus dem Jahr 10 v. Chr. wird dann das Jahr 9, und
natürlich sind vom Jahr 9 bis zum Jahr +10 nur 19 Jahre
vergangen.
An
dieser Stelle taucht meist die Frage auf, ob die astronomische
Zählung außerhalb der Astronomie überhaupt "gilt".
Eingeführt wurde sie 1740. Damit ist sie älter, als die
historische, die erst aufkam, als es gegen Ende des 18. Jahrhunderts
üblich wurde, die Christliche Ära auch auf vorchristliche
Daten anzuwenden. Aber selbst wenn Daten "v. Chr." schon
bei der Einführung der Christlichen Ära im Jahre 525 üblich
gewesen wären, könnte man damit nicht gegen die
Gleichberechtigung der astronomischen Zählung argumentieren,
denn sicher wurde nie in der ganzen Geschichte ein gerade laufendes
Jahr von irgend jemandem als ein Jahr "v. Chr." bezeichnet.
Die rückwirkende Anwendung der historischen Zeitrechnung dient
ebenso wie die der astronomischen nur dem formalen Zweck der
zeitlichen Ordnung, ohne daß Rücksichten auf
geschichtliche Realitäten genommen werden müßten.
Allerdings
hat diese astronomische Zählung vorerst einmal keine
unmittelbare Konsequenz für die Frage des Jahrtausendbeginns,
denn es ist ja noch nicht festgelegt worden, ob mit dem eingefügten
Jahr 0 das 1. nachchristliche Jahrtausend beginnt oder das 1.
vorchristliche endet. Nach wie vor gibt es ja das vorhin beschriebene
Argument der Ordnungszahlen, das den Typ II bedingt.
Bei
näherer Betrachtung ist dieses Argument aber nicht so gut, wie
es scheint. Alle diesbezüglichen chronologischen Festlegungen
wurden zu einer Zeit getroffen, da Latein die maßgebliche
Sprache der Wissenschaft und Verwaltung war. Nun hat aber
ausgerechnet die lateinische Grammatik die ungewöhnliche
Besonderheit, die Verwendung von Kardinalzahlen im Zusammenhang mit
Jahren zu verbieten. Die beiden Ausdrücke "im Jahre des
Herrn 525" und "im 525. Jahre des Herrn" unterscheiden
sich im Lateinischen nicht und lauten beide "anno Domini
quingentesimo vicesimo quinto". Das entspricht wörtlich der
zweiten Übersetzung, kann aber inhaltlich beides bedeuten, denn
im Lateinischen gibt es ja keine Möglichkeit zu differenzieren.
Historisch zeigt sich nun, daß beim Übergang vom
Lateinischen zu den einzelnen Nationalsprachen anfangs zwar die
wörtlichere Übersetzung überwog, sich später
jedoch überall eine solche mit Kardinalzahlen durchsetzte.
Hätten
sich die Ordinalzahlen behauptet, wäre das ein starkes Argument
für den Typ II gewesen, die schließlich siegreichen
Kardinalzahlen sind aber mit den Typen I und II gleichermaßen
verträglich. Es muß nämlich erst festgelegt werden,
ob unsere Jahre als laufende oder als abgeschlossene zu zählen
sind. Monate und Tage sind beispielsweise als laufende festgelegt:
der 3. Monat (März) etwa ist erst mit dem letzten Tag vorüber,
und dieser erst um 24 Uhr. Der Zeitpunkt 31.3. 12 Uhr bedeutet also
nicht 3 Monate, 31 Tage und 12 Stunden nach Jahresbeginn. Anders
verhält es sich mit der Uhrzeit: Um 19.59 Uhr liegt der Beginn
des Tages 19 Stunden und 59 Minuten zurück, von den angegebenen
19 Stunden fehlt nichts.
Noch
etwas muß erst festgelegt werden: der Zeitpunkt, der als
Zeitenwende gelten soll. Es ist klar, daß er im Bereich der
Jahreszahl 0 liegen muß, aber wo genau? Dieses Jahr ist ja kein
Zeitpunkt (so wie die Zahl 0 ein Punkt auf der reellen Zahlengerade
ist), sondern ein Zeitintervall von der Länge eines Jahres. Man
könnte die Mitte dieses Jahres wählen, würde sich
damit aber wohl nicht durchsetzen, denn es herrscht breite
Übereinstimmung darüber, daß die Zeitenwende zwischen
zwei aufeinanderfolgenden Jahren liegen soll. Dann aber haben wir nur
noch den Beginn und das Ende des Jahres 0 zur Verfügung.
Wie
man leicht sieht, sind diese beiden Festlegungen nicht unabhängig
voneinander. Liegt die Zeitenwende am Beginn des Jahres 0, so haben
wir abgeschlossene Jahre, andernfalls laufende. Die entsprechenden
Festlegungen müßten dann lauten: "Die Jahreszahl ist
jene ganze Zahl, die angibt, wieviele ganze Jahre zwischen der
Zeitenwende und dem Beginn/Ende des zu bezeichnenden Jahres liegen".
Dabei hat die Beginn-Variante den Typ I und die End-Variante den Typ
II zur Folge.
Was
spricht nun zugunsten welcher Entscheidung? In der End-Variante hätte
die astronomische Jahreszählung dieselbe Zeitenwende wie die
historische Jahreszählung. Andererseits hat die Astronomie mit
dem Besselschen Jahr bereits eine wichtige Vorentscheidung zugunsten
der Beginn-Variante getroffen. Dieses Besselsche Jahr (das nicht
exakt mit dem Kalenderjahr zusammenfällt aber die wenigen
Stunden Unterschied sollen uns hier nicht beschäftigen) wird
anstatt in Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden einfach
dezimal unterteilt. Dabei erfolgte die Festlegung in der Weise, daß
beispielsweise die Mitte des Jahres 1 die Dezimalzahl 1.5 bekommt
(nicht 0.5) und deshalb anderthalb Jahre nach der Zeitenwende liegt.
Das bedeutet, daß die Besselsche Zeitenwende (also der
Zeitpunkt 0.0) zu Beginn des Jahres 0 liegt.
Die
astronomische Zeitzählung legt somit den Typ I nahe, allerdings
nicht zwingend. Aber auch die historische Zeitrechnung ist nicht
untrennbar mit dem Typ II verbunden. Das Argument der Ordinalzahlen
wird nämlich nicht nur durch die Eigentümlichkeit der
lateinischen Grammatik entwertet, sondern auch durch die Tatsache,
daß Ordinalzahlen (ebenso wie Kardinalzahlen) in der Mathematik
nur für den Bereich der natürlichen Zahlen definiert sind.
In einer linear geordneten Menge, die ein kleinstes Element enthält,
hat dieses Element die Ordinalzahl 1. In Mengen ohne kleinstes
Element gibt es keine Ordinalzahlen. Nun hat aber die Menge der
Jahreszahlen kein kleinstes Element, weil ja jedes Kalenderjahr nicht
nur einen Nachfolger, sondern auch einen Vorgänger hat. Der
Streit um Kardinal- oder Ordinalzahlen ist also letztlich müßig,
denn beide sind als Jahreszahlen ungeeignet. Hervorragend geeignet
sind hingegen die ganzen Zahlen, die aber in der historischen
Jahreszählung nicht ausschließlich verwendet werden. Daher
ist es sinnvoll, zwischen Jahreszahlen und Jahresbezeichnungen zu
unterscheiden. Dann kann man sagen, daß die Historiker (anders
als die Astronomen) Jahreszahlen nicht für alle Jahre verwenden,
sonden nur für jene ab dem Jahr 1. Alle davor tragen
Jahresbezeichnungen, die keine Jahreszahlen sind. Nun sind
Bezeichnungen aber völlig willkürlich - statt das Jahr 0
als "1 v. Chr." zu bezeichnen, könnten die Historiker
es auch "Jesus-Jahr" oder sonst irgendwie nennen. Auf die
Festlegung der Zeitenwende hat das natürlich keinerlei Einfluß.
Somit gibt es keinen zwingenden Grund, warum diese Zeitenwende nicht
auch zwischen den Jahren 2 v. Chr. und 1 v. Chr. liegen könnte.
Somit
gelangen wir zu dem Ergebnis, daß weder der Typ I ("das 3.
Jahrtausend beginnt 2000") noch der Typ II ("das 3.
Jahrtausend beginnt 2001") mit mathematischen oder historischen
Argumenten widerlegt werden kann. Es besteht daher (zumindest solange
man nicht die genaue Begründung kennt) keine Veranlassung, einen
Anhänger der einen oder der anderen Aussage für dumm zu
halten.
- Andrea Raffaseder schrieb:
Die Wahrheit aus all dem vielen Text ist schlicht: das neue Jahrtausend hat zwar erst heute (am 1.1.2001) begonnen, aber nur weil bei der
Etablierung unserer Zeitrechnung eine mathematisch falsche Benennung erfolgte.
Mathematisch richtig müßte der Abstand vom Punkt 0 bis zum Punkt 1 das Jahr Null heißen (das erste Jahr!). Das illustriert auch das von Ihnen in falschem
Zusammenhang zitierte Beispiel des Kindergeburtstages: das Kind ist im ersten Jahr eben "null" Jahre (und soundsoviele Monate) alt, und sobald es ein Jahr
alt ist, beginnt das ZWEITE Lebensjahr und nicht das erste. Ganz anlog müßte richtigerweise auch eine Zeitrechnung, die sich an der Geburt eines Menschen
orientiert, im ersten Jahr die Ordnungszahl NULL tragen und kaum wäre diese Zeitrechnung ein Jahr alt, so würde .
Die Beispiele mit den Bierflaschen etc. sind gänzlich schwachsinnig, da sie völlig am Kern der Sache (nämlich des "vergessenen" Jahres am Anfang)
vorbeigehen. Wer Bierflaschen zählt, oder zählt wie man an den zehn Fingern der Hand zählt (also in diskreten Intervallen: eins, zwei, drei, vier), der
"benennt" hiermit die "Strecke" von null bis zur vollen eins eben mit eins statt - mathematisch richtig - mit null komma irgendwas. Wenn man so vorgeht,
dann ist völlig logisch, daß das Jahr, das man am Anfang nominell "ausgelassen" hat, am Ende hinzugefügt werden muß. Und daher würde ein Mensch wie
Sie oder ich, wenn wir so alt werden könnten, selbstverständlich am ersten Tag nach seinem 2000. Geburtstag (und zur Erklärung: "Geburtstag" heißt das
Fest, an dem sich der Tag der Geburt jährt, dieser Tag der eigentlichen Geburt wird dabei natürlich NICHT mitgezählt - daher ist man am ersten Geburtstag ein
Jahr alt und beginnt das zweite Lebensjahr, am 2000. Geburtstag ist man 2000 Jahre alt und beginnt das dritte Lebensjahrtausend).
Da aber nunmal vorzeiten der Fehler gemacht wurde, und man die Zeitrechnung so benannt hat, als würde man Bierflaschen zählen (oder als würde man zu
einem Kind, das gerade erst geboren ist, sagen: du bist jetzt ein Jahr alt), so ist es logisch, daß das am Anfang gestohlene Jahr am Schluß dazugegeben
werden muß, und daher heute der erste Tag des dritten Jahrtausends ist.
Aber nur, weil ein mathematischer Fehler begangen wurde, und nicht weil die Menschen, die Algebra können und das Koordinatensystem (das nun eben
ANDERS aufgebaut ist als Ihre Grafik), dumm wären.
Wie dem auch sein,
ein gutes neues Jahrtausend unbekannterweise!
Links zum Jahrtausend-Irrtum
Wer sich an der Aktion Jahrtausendwende beteiligen will, ist aufgerufen, diese Grafik mit einem Link hierher versehen auf seine Webseite einzufügen - und damit zu sagen: "Ich weiß, daß die Jahrtausendwende erst am 01.01.2001 erfolgt." :)
Dazu sollte das Bild rechts kopiert werden und folgende Zeile in den HTML-Code der jeweiligen Seite eingegeben werden:
<a href="http://www.cs.uni-frankfurt.de/~haase/Jahrtausendwende/"><IMG SRC="jtw.gif" BORDER=0 WIDTH=125 HEIGHT=54></a>
Achja, und wer noch andere Begründungen für obige Tatsache hat, oder vielleicht auch noch gute Beispiele, der kann mir diese gerne zumailen.
Ich wünsche allen Lesern einen wunderbaren Ausgang dieses Jahrtausends. :)
Jan Haase, <haase@cs.uni-frankfurt.de> Zurück zu meiner Homepage,
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