Referat von Kerstin Sehnert
im Rahmen der Veranstaltung Experimentalphonetik II
Sommersemester 1997
ANATOMIE DES KEHLKOPFES / PHONATION
URSACHEN FÜR ENTSTEHUNG UND BEIBEHALTUNG VON STIMMSTÖRUNGEN
FUNKTIONELL BEDINGTE STIMMSTÖRUNGEN:
Störungen des Stimmklangs und der stimmlichen Leistungsfähigkeit ohne primär organische Schädigung des Stimmapparates. Dazu zählen:
ORGANISCH BEDINGTE STIMMSTÖRUNGEN :
Störungen aufgrund organischer Schäden der an der Stimmgebung beteiligten Strukturen. Dazu zählen :
Literatur: G. Böhme , ` Klinik der Sprach-,Sprech-
und Stimmstörungen `
Stuttgart 1981
Der Kehlkopf ist ein kompliziertes Gebilde aus Knorpeln, Muskeln, Bändern und Schleimhäuten. Seine filigrane Struktur ermöglicht einen differenzierten Gebrauch für die Stimmgebung. Die ursprüngliche Funktion des Kehlkopfes beschränkt sich auf den Verschluß der Luftröhre beim Schlucken, oder auf die Kontrolle des Luftstroms beim Husten, Erbrechen und bei der Darmentleerung.
Äußere Kehlkopfbänder befestigen den Kehlkopf insgesamt zwischen Zungenbein und Luftröhre; die inneren Kehlkopfbänder verbinden die einzelnen Teile des Kehlkopfes miteinander. Zu diesen gehören auch die Stimmlippen, bestehend aus dem Gewebe der Stimmbänder und den Vocalismuskeln.
Die Stimmlippen öffnen sich für die Ein- und Ausatmung und schließen sich als Voraussetzung für die Stimmgebung oder beispielsweise den Hustenstoß. Ferner weisen sie eine phonatorische Beweglichkeit auf, die sich auf die Schwingungsbewegung der Stimmlippenränder während der Stimmgebung bezieht.
Beim Phonationsvorgang werden die Stimmlippen, die bis dahin geschlossen sind, durch den subglottalen Druck gesprengt, öffnen sich von unten nach oben und schließen sich wieder. Durch den sog. Bernoulli-Effekt wird die Öffnungs- und Schließbewegung der Stimmlippen unterstützt. Es entsteht eine quasi-periodische Schwingung. Die Impulse der Kehlkopfnerven sind dabei für die Aufrechterhaltung der inneren Spannung der Stimmlippen verantwortlich.
Für detailliertere Informationen zu diesen Themen :
Referat zum Thema " Anatomie des Kehlkopfes "
Referat zum Thema " Stimmbildung"
Lautsprachliche Kommunikation erfordert einen intakten Stimm- und Sprechapparat, sowie eine exakte Rückkopplung über das Hörorgan. Grundsätzlich lassen sich Stimmstörungen in zwei Gruppen einteilen :
Funktionelle Dysphonien sind Krankheiten, die durch die Störung des Stimmklangs und der stimmlichen Leistungsfähigkeit gekennzeichnet sind, ohne daß sich krankhafte primär organische Veränderungen der an der Stimmgebung beteiligten Strukturen zeigen. Die organischen Stimmstörungen weisen primär diese organischen Erkrankungen auf. Eine strikte Trennung der beiden Krankheitsbilder ist oftmals nicht möglich, da sie sich gegenseitig beeinflussen und bedingen können.
Für die Entstehung einer Stimmstörung kommt eine Vielzahl möglicher Ursachen in Frage:
Sie können biologisch-medizinischer Natur sein, und somit beispielsweise anlagebedingt, oder durch eine entzündliche oder chronische Erkrankung der oberen Atemwege verursacht werden.
Ferner kann eine andere organische Grunderkrankung mit einer einhergehenden Schwächung des gesamten Organismus eine Stimmstörung verursachen.
Desweiteren können Stimmstörungen neurovegetativ durch Streß oder Konflikte verursacht, altersbedingt oder hormoneller Natur sein.
Ferner kommen Umweltfaktoren, wie Berufsbedingungen ( z. B. eine große Sprechbelastung in pädagogischen Berufen oder das Sprechen in Lärmumgebung) und falscher Gebrauch der Stimme für die Entstehung und das Weiterbestehen von Stimmstörungen in Frage.
Nicht außer Acht zu lassen sind außerdem Lebensgewohnheiten, wie Rauchen oder häufiger Genuß von Alkohol.
Stimmstörungen treten am häufigsten im Kindesalter und bei Personen auf, die einen Sprecherberuf ausüben.
Funktionelle Dysphonie ist der symptomatische Ausdruck eines Versagens, das seinen pathologischen Niederschlag am Stimmapparat und im Psychischen findet,wobei sich beide Bereiche berühren und bedingen.
Funktionelle Störungen können im Sinne eines "Zuviel" (hyperfunktionell) oder eines "Zuwenig" (hypofunktionell), bezogen auf den subglottalen Druck, den Spannungszustand der Stimmlippen und die muskuläre Einstellung des gesamten Ansatzrohres oder sogar des gesamten Körpers, auftreten.
Ferner unterscheidet man davon noch eine mehr psychogen akzentuierte Dysphonie.
Die hyperfunktionelle Dysphonie ist die am häufigsten auftretende Stimmstörung.
Sie entsteht durch einen unökonomischen Stimmgebrauch. Intensives, lautes Sprechen oder dauerhaftes Sprechen im Lärmmilieu können ebenso wie eine ungenügende Stimmschonung nach einer entzündlichen Erkrankung des Stimmapparates verursachend sein.
Ihre Symptomatik ist vielfältig und reicht von Schmerzen beim Stimmgebrauch, einer schnellen Stimmermüdung und dauerndem Räusperzwang bis hin zu einem völligen Versagen der Stimme (Aphonie).
Die Stimme klingt heiser und gepreßt, der Stimmeinsatz ist hart ( heftiges Auseinanderplatzen der Stimmlippen).
Klinisch besteht eine Überfunktion der Kehlkopfmuskulatur, die zu Verspannungen im Bereich des Kehlkopfes und zu einer Schwingungshemmung der Stimmlippen führt.
Hypofunktionelle Störungen der Stimme sind weitaus seltener zu beobachten und treten meist bei älteren Menschen auf. Oftmals ist die primäre Ursache eine Allgemeinschwächung des Organismus durch schwere Erkrankungen oder hohes Alter.
Die Symptomatik ist durch geringe Stimmintensität mit Ermüdungserscheinungen gekennzeichnet. Durch ein Erschlaffen der Kehlkopfmuskulatur und einen Spannungsverlust der Stimmbänder ist der Stimmeinsatz verhaucht. Da die Stimmlippen nicht mehr richtig schliessen tritt sogenannte "wilde Luft" aus. Die Stimme klingt heiser, belegt und dünn, da die Stimmlippen bei der Phonation keinen optimalen Kontakt mehr aufweisen.
Die Ursachen einer psychischen Dys- oder Aphonie sind in Streßsituationen und psychischen Belastungen zu suchen.
Diese Störung tritt vorwiegend bei Frauen auf.Die psychogene Heiserkeit tritt im Gegensatz zu der hyper- beziehungsweise hypofunktionellen Heiserkeit unabhängig von der Sprechbelastung auf.
Häufige Begleitsymptome sind Schweißausbrüche oder Würgereiz.Die Stimme klingt gepreßt und heiser.
Als solche bezeichnet man Krankheitsbilder, bei denen die Ursache der Störung primär an einer krankhaften Veränderung im Bereich des Kehlkopfes zu finden ist.
Zu diesen zählen Kehlkopf-Asymmetrien, welche angeboren, geburtstraumatisch verursacht oder postnataler Natur sein können.
Ursachen dafür können muskuläre Fehlentwicklungen im Halsbereich, das Zurückbleiben einer Kehlkopfseite im Wachstum oder Vernarbungen nach einer Operation der Schilddrüse o.ä. sein.
Kehlkopf-Asymmetrien , wie der Glottisschiefstand oder die Stimmlippenfurche ( Längsfurche in der Mitte einer Stimmlippe, die zu einer Teilung dieser und dadurch zu einer Diplophonie [Zweistimmigkeit] führen kann ) führen zu einer Veränderung der Stimmqualität.
Stimmlippenknötchen entwickeln sich meist aus einem hyperfunktionellen Vorstadium , sind also durch unökonomischen Gebrauch des Stimmapparates verursacht.Die Knötchen finden sich immer seitengleich in der Mitte der Stimmlippen als Verdickungen unterschiedlicher Größe (je nach Stadium).
Durch diese Verdickungen entstehen Probleme bei der Atmung und Phonation, da die Glottis verengt ist und die Stimmlippen nicht optimal kontaktieren können. Ist die Verdickung groß, kann es durch die Teilung der Stimmlippen zu einer Diplophonie kommen.
Symptome sind ein heiserer Stimmklang und ein eingeschränkter Tonumfang (da die Patienten in den hohen und tiefen Stimmlagen stimmlos sind) .
Ferner besteht ein ständiger Räusperzwang. Die Stimmlage ist vertieft, der Stimmeinsatz hart.
Die Nerven, die den Kehlkopf motorisch innervieren verlaufen bis in den Brustraum.Aus diesem Grund gibt es viele Möglichkeiten für die Entstehung einer Stimmstörung in Folge einer Lähmung der Kehlkopfnerven.
Häufig tritt eine solche Störung durch eine Schädigung des Recurrens-Nerves auf, es können aber auch andere Kehlkopfnerven betroffen sein.
Ursachen für eine solche Lähmung sind Verletzungen bei Operationen (Intubation), bleibende Schäden nach Grippeerkrankungen, Überdehnungen oder Zerrungen nach Halstraumen bei Unfällen, eine Verätzung durch das Einatmen oder Schlucken toxischer Substanzen oder eine Folge anderer Erkrankungen im Herz-Lungenbereich. Kehlkopflähmungen treten meist einseitig auf und können straffer oder schlaffer Natur sein (bezogen auf den Zustand der gelähmten Stimmlippe).
Bei einer einseitigen straffen Lähmung ist die Stimme stark heiser, die Atmung nur leicht beeinflußt. Bei der beidseitigen straffen Lähmung ist die Atmung stark betroffen. Ist die Glottis bei Eintritt des straffen Lähmungszustandes geschlossen, kann der Patient ersticken.
Umgekehrt verhält es sich bei schlaffen Lähmungen. Ist diese einseitig, so äußert sich das durch eine heisere, tiefe Stimme mit geringem Umfang. Typisch ist ein großer Atemverlust während des Sprechens und somit häufiges Einatmen nötig.
Ist die schlaffe Lähmung beidseitig, führt dies zu einer Aphonie, da kein Stimmlippenkontakt mehr möglich ist.
Entzündliche Kehlopferkrankungen äußern sich durch Heiserkeit und können bei mangelnder Stimmschonung chronisch werden. Eine Laryngitis geht meist mit jeder Erkältungskrankheit einher. Ferner können Allergien der Auslöser für eine solche Entzündung sein.
Traumatische Stimmstörungen sind als Folge einer Intubation zur Beatmung während einer Vollnarkose bekannt. Diese verschwinden jedoch meist nach einigen Tagen wieder. Von längerer Dauer sind Verletzungen durch eine schiefe Intubation, bei der die Kehlkopfnerven verletzt wurden ( mögliche Folge:Kehlkopflähmung).
Auch nach Sport- ,Verkehrs- oder Berufsunfällen mit Verletzungen im Bereich der Schädels, Halses oder Kehlkopfes können sich Atem- und Stimmstörungen einstellen.
Ferner zählt eine Stimmlippenblutung zu den Traumatischen Stimmstörungen.
Sie wird durch forciertes Schreien oder Singen, starkes Niesen oder Erbrechen verursacht.
Bei bösartigen Kehlkopferkrankungen hängt es von der Lage und Größe des Karzinoms ab, welcher Teil und wieviel des Kehlkopfes entfernt werden müssen.
Die noch vorhandenen Larynxteile können dann in unökonomischer Weise genutzt werden. Das ist durch die flexible Struktur des Kehlkopfes recht gut möglich. (Beispielsweise Taschenfaltenstimme oder Nutzung einer stimmlippenähnlichen Vernarbung )
Ist eine vollständige Entfernung des Kehlkopfes nötig, tritt eine erhebliche Beeinträchtigung der Atem- und Stimmfunktionen auf. Apparative Sprechhilfen erzeugen einen maschinellen, monotonen Stimmklang und sind in ihrer Bedienung meist auffällig und unvorteilhaft.
Das Benutzen der Speiseröhre als Luftreservoir und einer Pseudoglottis am oberen Ende der Speiseröhre ( die sog. Ösophagusstimme ) ermöglicht einen halbwegs normalen Stimmgebrauch. Jedoch ist der Stimmklang durch die fehlende Variabilität der Ersatzglottis stark beeinträchtigt und auch bei der Atmung treten Probleme auf, da die Speiseröhre nur einen Bruchteil des Volumens der Lunge besitzt.
Pathologische Erscheinungen im Hormonhaushalt können zu hormonell bedingten Stimmstörungen führen.
Betroffen sind dabei Tonhöhe, Tonumfang, Stimmklang oder die Dynamik der Stimme. Am häufigsten treten solche Störungen während der Pubertät im Stimmbruch auf und zwar dann, wenn sich eine Seite des Kehlkopfes schneller vergrößert als die andere.
Ferner sind Veränderungen des Stimmklangs während der Menstruation oder einer Schwangerschaft zu beobachten.