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Gemeinschaftsbildende Faktoren und Siedlungsneugründungen am Tschadsee


Forschungen am Tschadsee

Im ethnologischen Teilprojekt A6 werden gemeinschaftsbildende Faktoren in Siedlungen im Tschaduferbereich untersucht. Seit dem Schrumpfen des Tschadsees Mitte der 70er Jahre finden im gesamten ehemaligen Überflutungsbereich des Sees Ortsneugründungen statt. Diese Prozesse sind nicht nur in Nigeria, sondern auch in den angrenzenden Staaten Niger, Tschad und Kamerun zu beobachten. Am nigerianischen Ufer des Sees siedeln Hausa, die zunächst als Fischer in die Region gekommen waren, neben einheimischen Kanuri- und Shuwa-Bauern sowie Angehörige ethnischer Gruppen aus anderen Teilen Nigerias und aus benachbarten Staaten.

Die multiethnische Zusammensetzung der Siedlergemeinschaften und die besonderen naturräumlichen Bedingungen der Region machen neue Formen der sozialen, ökonomischen und rechtlichen Organisation notwendig. In dieser Hinsicht erscheint das Gebiet um den Tschadsee als ein soziales Experimentierfeld. Rezent ablaufende Prozesse können in den Orten, die im Zentrum der Untersuchungen stehen, modellhaft beschrieben und mit historischen Siedlungsgründungen verglichen werden. Untersucht werden insbesondere, Faktoren die für das Zusammenleben der Siedler und die Bildung neuer Solidargemeinschaften von Bedeutung sind. Welche Rolle spielen die Berufung auf ethnische Zugehörigkeit und gemeinsame Herkunft, der Rückbezug auf lokale Überlieferungen und Kulte, die realen verwandtschaftlichen Beziehungen und die Rekonstruktion von Genealogien und Tradition?

Durch den Vergleich der rezenten Informationen mit historischen Ortsgründungen sollen Kenntnisse über die Wechselwirkungen mit traditionellen Strukturen wie z.B. die Übernahme von historischen Siedlungsmustern und -strategien, die Bedeutung von überkommenen Rechtsnormen und das Anknüpfen an traditionelle Formen politischer Herrschaft gewonnen werden.

Erste Untersuchungen in diesen neugegründeten Siedlungen im früheren Überflutungsbereich des Tschadsees beschränkten sich auf den südwestlichen Teil des Sees. Hier wurden in mehreren Surveys während der vergangenen beidem Jahre mehr als 40 Ortschaften besucht und kartiert. Das Alter der Orte reicht von ca. 25 Jahren bis 4 Jahre. Jüngere Orte gelten als temporäre Siedlungen, auch wenn sie seit mehr als einer Saison bewohnt werden. Auch in den älteren Orten sind es oft die Ortsgründer, die heute noch als Ortsvorsteher fungieren.

Forschungsthesen

Ortsneugründungen und Ortsverlagerungen sind im Raum der westafrikanischen Savanne keine Seltenheit, sondern Produkt ständiger Migrationsbewegungen. Temporäre Migrationen von einzelnen sind kein Sonderfall, sondern waren schon immer integraler Bestandteil lokalen Wirtschaftens. Wanderungen größerer Einheiten, die Familiengruppen oder z.B. Lineage-Segmente einschließen kann, sind seltener. Wenn sie stattfinden, haben sie häufiger Ortsgründungen zur Folge.

Neuartig an der Situation am Tschadsee ist, daß es hier zu außergewöhnlich vielen Ortsgründungen kam. Seit der Dürre zu Beginn der 70er Jahre sind durch das Sinken des Wasserspiegels Anbau- und Siedlungsflächen entstanden, die bis dahin vom See bedeckt waren. Die neuen Flächen wurden von einer Bevölkerung genutzt, in der, aufgrund der durch die anhaltenden Dürren im Sahel ausgelösten Krisensituation, ungewöhnlich viele Menschen mobil waren. Ziel der Wanderungen war neben den urbanen Zentren vor allem der Uferbereich des Tschadsees. Die zunächst temporären und saisonalen Ansiedlungen von Fischern und Feldbauern entwickelten sich bald zu permanenten Niederlassungen. Mitte der 80er Jahre wurde von mehr als 80 Ortsneugründungen allein im westlichen Uferbereich des Tschadsees berichtet. Während eines von H. Kirscht im südwestlichen Teil des Sees durchgeführten Surveys wurden 47 dieser Neusiedlungen besucht.

Die ältesten Orte sind seit mehr als 25 Jahren besiedelt, während andere erst vor wenigen Jahren gegründet wurden; einige sind bereits wieder aufgegeben worden. Die Dynamik in den Orten am See ist groß und vom Steigen oder Sinken des Wasserspiegels geprägt. Orte wie Menschen müssen mobil sein; der oft provisorische Charakter selbst großer Siedlungen mit mehreren Tausend Bewohnern liefert Zeugnis davon.

Trotz dieser Mobilität ist die Siedlung als räumliches Gebilde eine faßbare Einheit, was vor allem für die großen, multiethnisch bewohnten Orte gilt. Auch wenn wegen steigender Flut Teile des Ortes verlassen oder verlagert werden müssen, bleibt er als Einheit bestehen. Sobald die natürlichen Verhältnisse es wieder zulassen, kehren Bauern, Handwerker und Händler zurück. Auch Ortsverlagerungen finden statt, bei denen sich die ursprüngliche Siedlergemeinschaft an einer neuen Lokalität unter dem gleichen Ortsnamen wieder zusammenschließt.

Die erste Frage bei der Untersuchung gemeinschaftsbildender Faktoren muß die nach der Untersuchungseinheit sein. Das Konzept von Siedlergemeinschaft und die Prozesse die zur Bildung der Gemeinschaft beitragen, steht dabei im Vordergrund. Zwar lassen sich, wie oben bereits erwähnt, klare räumliche Strukturen festlegen und als Siedlungen beschreiben, inwieweit diese territorialen Strukturen eine auf Zweckrationalität und subjektiven Gefühlswerten beruhende Gemeinschaft im Sinne Max Webers beherbergen, muß vorrangig geklärt werden. Alternativ zur Vorstellung einer das gesamte Territorium umfassenden Gemeinschaft läßt sich auch das Modell einer zusammengesetzten Einheit entwerfen, die aus mehreren Teilgemeinschaften besteht. Wie sich diese Teilgemeinschaften konstituieren, wie sie interagieren und welche Vernetzungspunkte sich zwischen diesen Gemeinschaften ergeben, gilt es zu untersuchen. Mögliche Teilgemeinschaften können ethnische oder genealogische Gruppen sein, aber auch freiwillige Vereinigungen, Spargruppen, Gewerkschaften und religiöse oder Kultgemeinschaften. Daneben dürften ebenso informelle Gruppen, wie z.B. Nachbarschaftsgruppen und Freundschaftsgruppen eine Rolle bei Gemeinschaftsbildungsprozessen spielen. Wie wird also Gemeinschaft konstruiert und welche Hilfsmittel werden für die Konstruktion gebraucht? Welche Rolle spielt dabei Verwandtschaft, der Rückbezug auf lokale Traditionen und Kulte, ethnische Zugehörigkeit oder gemeinsame Herkunft?


Die Beschreibungen der Arbeitsgebiete der einzelnen Projektmitarbeiter liegen als WinWord-Files zum downloaden vor:

Arbeitsbereich Holger Kirscht

Arbeitsbereich Matthias Krings

Arbeitsbereich Editha Platte


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Fragen bitte an: H. Kirscht Sonderforschungsbereich 268, Liebigstraße 41, 60323 Frankfurt am Main. © Holger Kirscht